Kritik der Aktionsformen

In Göttingen haben linksradikale Gruppen in den letzten Wochen mehrere Demonstrationen organisiert. Darunter waren vor allem Versammlungen gegen den IS, gegen das PKK-Verbot und für Solidarität mit Kobanê, aber auch für bezahlbaren und vielfältigen Wohnraum. Demonstrationen für Schüler*innen und Student*innen haben eine lange Tradition in der Stadt und waren auch in den vergangenen Jahren fester Teil des Stadtbilds. Genau dort liegt aber ein Problem, das es zu reflektieren gilt: Demonstrationen der Linksradikalen haben keinen außergewöhnlichen Charakter mehr. Sie werden von einer breiten Mehrheit der Bürger*innen als Unnötigkeit oder gar Ärgernis wahrgenommen. Das alleine spricht natürlich nicht dagegen, Demonstrationen zu organisieren, allerdings sollte über diesen Punkt auch nicht zu schnell weggegangen werden. Zu leicht ist, „die Anderen“ zu konstruieren, die sich nur bei ihren Einkäufen gestört fühlen würden, die noch „falschen“ Vorstellungen anhängen, während man selbst „das Richtige“ denkt und dafür auch öffentlich einstehen will.
„Die Anderen“, das ist eine Gruppe, die es bei jeder Demonstration gibt, denn Demonstrationen erschaffen wie kaum eine andere Aktionsform ein Wir-Gefühl, eine Gruppenkohäsion. Wer nicht zum Demonstrationszug, wird als Teil einer outgroup wahrgenommen. Diese Abgrenzung stärkt den Gruppenzusammenhalt, führt aber zugleich dazu, dass andere Menschen in ihrer Individualität marginalisiert werden: „Die Anderen“ bestehen nur noch aus ihrer Andersartigkeit zur eigenen Gruppe, sie werden ungeachtet ihrer Gruppengröße zur homogenen Masse. [1]
Selbstverständlich besteht diese Gruppenkonstruktion auch anders herum. Von außen betrachtet wird die Demonstration oftmals als geschlossene Gruppe wahrgenommen und sie tut im Regelfall ihr möglichstes dieses Bild zu bestätigen: Aus Schutz vor staatlicher Repression wird schwarze Kleidung getragen, die das Individuum verschwinden lässt, laute Rufe mit oftmals schon akustisch unverständlichen Parolen lassen viele Bürger*innen eine Abwehrhaltung einnehmen. Deutlich wurde das zuletzt bei der Wohnraumdemonstration. Sprüche wie „Die Tür ist weg! Magull muss weg!“ sind nur für einen kleinen Kreis Eingeweihter zu verstehen, dafür vielleicht umso lustiger. Auch das häufige „Altera! Alerta! Antifascista!“ ist für viele – zumal im Kontext eine Wohnraum- oder Anti-PKK-Verbot-Demonstration – nicht zu verstehen. Mitglieder der ingroup werden jedoch in ihrer Identität als Antifaschist*innen bestärkt. Solche in Chören gerufenen Sprüche befördern also den Gruppenzusammenhalt, entfalten aber kaum positive Wirkung nach außen. Das kann sinnvoll sein, sollte aber nicht alleinige Wirkung der Demonstration bleiben.
Ähnlich ist es auch bei Redebeiträgen. Wer in der Fußgängerzone die Abschaffung des Kapitalismus fordert und einen weltweiten Kommunismus beschwört, wird für Unverständnis oder Gelächter sorgen, aber keine*n für seine politischen Ziele gewinnen. Die Aktivist*innen bekommen das Gefühl, etwas getan zu haben. Wie sinnvoll dieses Handeln aber tatsächlich war, ist damit nicht gesagt.

Was soll aber mit einer Demonstration erreicht werden? Sie soll politische Anliegen in die Öffentlichkeit tragen, Diskurse beeinflussen. [2] Wenn aber ein wesentlicher Teil der Öffentlichkeit durch soziale Praktiken ausgeschlossen wird, kann das nicht zielführend für dieses Anliegen sein. Natürlich kann jede Öffentlichkeit immer nur eine Teilöffentlichkeit sein. Der Kerngedanke bei Demonstrationen ist aber, dass die erreichte Anzahl der Menschen möglichst groß sein sollte, um Druck auf Herrschaftsstrukturen auszuüben. Denn die Demonstration hat ähnlich wie Petitionen und offene Briefe einen bittenden Charakter. Man wendet sich als Gruppe an Entscheidungspersonen und verlangt von ihnen, dass die jeweiligen politischen Ziele erfüllt werden. Das Studentenwerk soll seine Wohnheime nicht schließen, die Parteienvertreter*innen sollen sich für militärische Unterstützung in Kobanê einsetzen oder das PKK-Verbot aufheben lassen. Solche Forderungen können nicht ignoriert werden, wenn sie von ausreichend vielen Menschen vorgetragen werden. Das ist allerdings insbesondere bei linksradikalen Vorstellungen fast nie der Fall, und die Abgeschlossenheit der Gruppen, der Sprach-, Kleidungs- und Symbolcodes, [3] aber eben auch der Aktionsformen trägt ihren Teil dazu bei, dass die Gruppe der Menschen hinter den Zielen kaum wächst.
Zudem lässt sich kaum abstreiten, dass gerade in Göttingen, aber auch andernorts, Demonstrationen und Kundgebunden zu einem Teil der als „normal“ Erlebten geworden sind. Sie können keine Irritierende Wirkung mehr entfalten, die zum Nachdenken anregt. Einen inhaltlichen Beitrag können sie aufgrund ihrer nicht-dialogischen Struktur ohnehin nicht leisten.

Es fehlt also vor allem an kommunikativen Aktionsformen. Fasst man ‚Aktionsformen‘ weit, zählen auch Interviews, theoretische Reflexionen, Pressemitteilungen und andere Texte dazu. Will man den Begriff enger verstehen, bieten sich vor allem direkte Aktionen an. Darunter ist kein festes Konzept zu verstehen, sondern kreative Handlungen, die in direkten Kontakt mit Menschen gehen und sie im besten Fall ein Stück weit aus ihren Denkmustern ausbrechen lassen. Welche Aktionsform genau gewählt wird, ist dem jeweiligen Thema und Anlass anzupassen: Straßentheater, Schockaktionen, Übermalen von Plakaten, Etikettierung von Produkten im Supermarkt (Produktionsbedingungen offenlegen), Flyer in Bücher legen, Spiele in der Fußgängerzone… Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Zentral ist, dass als normal empfundene Situationen sowohl bei der Vermittlung politischer Inhalte als auch in Bezug auf die Denkmuster durchbrochen werden. Natürlich müssen solche Aktionen inhaltlich begleitet werden: Links zu Webseiten mit weiterführenden Informationen, öffentliche Vorträge und Pressemitteilungen sind nur drei Möglichkeiten, wie zusätzliche Denkanregungen vermittelt werden können. Dass solche Aktionen mitunter viel Aufmerksamkeit erregen, zeigt z. B. das Die-In vor der Göttinger Stadthalle, das es sogar in den Verfassungsschutzbericht geschafft hat.
Natürlich können solche Aktionensformen auch bei Demonstrationen eingesetzt werden. Ob das in Göttingen alelrdings zielführend ist, bleibt zu testen. Eine erfolgsversprechende Kombinatino von Demonstration und Direct Action konnte z. B. bei der Jump’n’Run-Strategie der NO-IMK-Aktionswoche 2010 beobachtet werden.

Daneben kann und sollte es auch weiterhin militante Aktionen, reguläre Demonstrationen, Lesegruppen oder Broschürendrucke geben. Wir wollen mit diesem Text aber auffordern, nicht das langfristige Ziel aus den Augen zu verlieren: Ein freies und selbstbestimmtes Leben für alle!
Dieses Ziel lässt sich mit Aktionen zu aktuellen und immer-aktuellen Themen verbinden, denn es gibt unserem Handeln einen größeren Bedeutungsrahmen. Das Problem der Linksradikalen, dass die einen nur theoretisch wollen und den anderen die Theorie fehlt [4], muss behoben werden, wenn wir dieses Ziel erreichen wollen: Wir brauchen eine ständige Selbstreflexion, wir brauchen offene Debatten und wir brauchen eine kommunikative Vernetzung von Theorie und Praxis!


[1] Vgl. zur Fremdgruppenhomogenität: http://books.google.de/books?id=iHlTZoMKY_YC&lpg=PA432&ots=yLTzalz_iw&dq=fremdgruppenhomogenit%C3%A4t&hl=de&pg=PA432#v=onepage&q&f=false
[2] Wir verwenden ‚Diskurs‘ hier nicht im engeren Sinne nach Foucault, sondern als Begriff, der Denkmuster, Aussagen und Machtstrukturen in sich vereint.
[3] Nicht umsonst hat sich ein inzwischen beachtlicher Markt mit Stickern, Spuckis, Kapuzenpullovern, Jogginghosen, Aufnähern, Buttons usw. etabliert. Und dieser Markt reagiert schnell: Inzwischen, erst kurz nach den Aufmärschen der „Hooligans gegen Salafisten“, gibt es z. B. Shorts mit dem Aufdruck „Still not loving Nazi-Hools“ zu kaufen. Eine Art Höhepunkt findet diese kommerzialisierte Abgrenzung linksradikaler Politik in den für die meisten Außenstehenden vollkommen unverständlichen Aufdrucken „FCK NZS“ oder „FCK CPS“. Wieso man diese Äußerungen als Lifestyle- und Identitätspolitik in verklausulierter Form vor sich hertragen muss, statt sie diskursiv und argumentativ untermauert zur Geltung zu bringen, kann durchaus gefragt werden.
[4] Konny: Tücha hoch (http://www.youtube.com/watch?v=PpVUT1BXum0)

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