Noch eine Gruppe?

Die Zersplitterung der radikalen Linken in kleine Gruppen ist eine Chance. Eine Chance, schwer zu infiltrierende Aktionszellen zu gründen, die durch Theoriebildung, Informationsstreuung und aktiven Widerstand die gesellschaftlichen Zustände ändern können. Unerlässlich ist genau diese Reihenfolge der politischen Arbeit, denn ohne Theoriebildung kann keine sinnvolle und glaubwürdige Information geteilt werden, ohne das öffentliche Aufdecken von Zusammenhängen werden Widerspruch und Widerstand von der Allgemeinheit als „extremistische Randale“ oder als „Spinnerei“ rezipiert. Zu sehr sind wir von staats- und gesellschaftsideologischen Vorstellungen geprägt, die wir nicht mehr überdenken, weil sie uns von unserer ersten Lebensminute an als normal, gut und richtig präsentiert werden.

Es ist nicht utopisch, sondern unrealistisch, an solchen Gegebenheiten etwas ändern zu wollen, indem man hier und da einen Müllcontainer anzündet. Es ist aber auch genauso unrealistisch, Politik ausschließlich aus der theoretischen Perspektive zu betrachten und sich in seinen ideologischen Gedankengebäuden zu verschanzen, die allzu oft ermöglichen, sich ausschließlich auf die Position der Kritik zurückzuziehen – so berechtigt diese auch sein mag. Dieser Spalt zwischen Theoriefeindlichkeit und Theorieversessenheit in der radikalen Linken führt dazu, dass die Zersplitterung in Gruppen zu einem Problem wird: Statt Gemeinsamkeiten zu fokussieren und den gemeinsamen Kampf für eine befreite Gesellschaft voranzutreiben, kritisiert man sich gegenseitig in Details so, dass eine Zusammenarbeit unmöglich wird.

Die Folge ist nicht nur, dass Aktionspotenzial verschenkt wird, sondern auch, dass die einzelnen Gruppen stark identitätsbildend wirken und Positionen weitergegeben, aber nicht kritisch hinterfragt werden. Ansichten und Einstellungen müssen geklärt werden und dabei sollte nicht vergessen werden, dass die meisten davon nur Fragen sind, die einzelne Punkte einer Transformation der bestehenden Verhältnisse betreffen. Das Denken und Handeln auf diese Aspekte zu beschränken und die Fernziele aus den Augen zu verlieren, kann nicht konstruktiv wirken. Ein Beispiel unter vielen: Nicht umsonst wird etwa die Debatte über das Gendern von Texten öffentlich von reaktionären Kräften nur zu gerne aufgegriffen, um linksradikale Kritik zu diffamieren. Die Strukturzusammenhänge von Patriarchat und Sprache, von Sexus und Genus, von Sprechakt, Macht und Gesellschaft reflektiert kaum jemand in der radikalen Linken. Stattdessen wird das Gendern zum neuen Normalzustand erhoben und allen, die sich nicht dieser Norm fügen, durch autoritäre Handlungen die Deutungshoheit abgesprochen. Wie aber soll eine derart komplexer Zusammenhang wie jener von Gesellschaft und Sprache vermittelt werden, wenn selbst die Aktivist_innen sich keine Gedanken über ihn machen und durch ihre (Diskussions)handlungen den eigenen Vorstellungen widersprechen?

Wir haben nicht vergessen, dass wir keine Politik betreiben wollen, die kaum jemand nachvollziehen kann, weil sie verdunkelt statt zu klären, weil sie alte Identitäten nur durch neue ersetzt, weil sie auf kleine Kreise von Eingeweihten und Einhelligen eingeht. Wir wollen alle Menschen einbeziehen und das nicht nur lokal, sondern in letzter und ferner Perspektive auch global. Aber wir stehen noch ganz am Anfang und müssen unsere Kräfte bündeln. Darum haben wir bereits vor einiger Zeit eine Gruppe gegründet, die die Chancen der Gruppenvielfalt nutzen will, die Risiken aber kennt und erkennt. Wir treten oft mit anonymen Aktionen und Texten in die Öffentlichkeit und haben uns nun dazu entschieden, hin und wieder gebündelte Informationen über unsere Arbeit auch in diesem Blog zu veröffentlichen und überhaupt als zu benennende Gruppe in Erscheinung treten. Wir sind uns der Folgen durchaus bewusst und schätzen die positiven Aspekte aber wichtiger als die negativen ein. Der Kern unserer Arbeit wird jedoch auch weiter auf anderen digitalen und nicht-digitalen Wegen erfolgen.

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